Innovation 

Die Kunst des Kompromisses

Robust sollen sie sein, sparsam, langlebig, technisch perfektioniert. Und natürlich dynamisch, kraftvoll, individuell in der Optik. Wer Nutzfahrzeuge designt, muss seine Kreativität innerhalb einer Fülle von Restriktionen entfalten können. Eine echte Herausforderung, die die Designabteilung von MAN Truck & Bus jeden Tag mit viel Leidenschaft meistert.

Roland Schüllers Blick gleitet prüfend über die fein säuberlich aufgereihten Werkzeuge, die, ein bisschen an OP-Besteck erinnernd, vor ihm auf einem Rollwagen liegen. Links die kleinen, filigranen, rechts die großen, robusten. Er greift nach einer stabilen Karbonleiste. Mit einer präzisen Handbewegung setzt er das Werkzeug an das drei Meter hohe Tongebilde an, das in der Mitte der lichtdurchfluteten Halle steht, und schabt schwungvoll Schicht für Schicht etwas heraus, das einmal die Form eines MAN TGX haben soll. Roland Schüller ist Modelleur. Seine Aufgabe ist es, die Entwürfe der Designer von MAN Truck & Bus in wenigen Wochen zum lebensgroßen Modell werden zu lassen.

Verantwortlich für die Kreativleistung dahinter ist das Team von Holger Koos, Leitung Design Truck & Bus. Gemeinsam mit Rudolf Kupitza, Leiter Design Truck, und Stephan Schönherr, Leiter Design Bus, führt er die seit 2014 in einem Standort zusammengelegte Kreativabteilung „Engineering Vehicle Styling“ in München-Karlsfeld. Das 20-köpfige Team setzt sich aus Designern, Ingenieuren und Modelleuren zusammen. „Es ist auch nach fast 30 Jahren immer noch spannend zu sehen, wie hier in der Modellier-Halle aus einer Idee das erste Mal etwas Greifbares wird“, sagt Rudolf Kupitza, der, wie auch Holger Koos und Stephan Schönherr, ein MAN-Urgestein ist.

Anforderungen ans Design

Etwas weiter am Rand steht in der Halle ein fertig lackiertes Modell, an dem die typischen Designmerkmale von MAN zu erkennen sind: schwarzer Kühlergrill, geschwungene Chromleiste, horizontale Scheinwerfer, der Fensterschwung, der nach hinten ansteigt. Zwei Stockwerke über der Modellierhalle erarbeitet das Team von Rudolf Kupitza gerade die neue Truck-Generation am digitalen Zeichenbrett. Auch hier sind die MAN-Designcharakteristika unverkennbar. Doch die Designer müssen bei ihrer Arbeit noch viel mehr beachten: „Unser Spielraum in der Gestaltung ist sehr eng“, erklärt Designleiter Holger Koos. „Technische Anforderungen, Kostenfaktoren, gesetzliche und genossenschaftliche Restriktionen – all das muss im Designprozess berücksichtigt werden. Aber genau das ist die Herausforderung und der Reiz an unserer täglichen Arbeit.“

Gleichzeitig gilt es, die Marke nach außen zu repräsentieren, markentypische Elemente zu pflegen und weiterzuentwickeln – Ziele, die auch die Arbeit von Stephan Schönherr und seinem Bus-Design-Team bestimmen. „100 Jahre Nutzfahrzeugbau bringen eine Menge Tradition und Geschichte mit sich. Das ist ein Schatz, aus dem auch wir als Designer schöpfen können“, sagt Schönherr. Typische Designmerkmale wie die nach oben ins Dach strebende A-Säule, die typische silberne MAN-Schwinge auf den Seiten oder das Sharp-Cut-Design mit den straffen Linien der NEOPLAN-Familie wurden über die Jahre kontinuierlich weiterentwickelt.

Ideen und Design

Ideengeber für die stetige Evolution der Designs sind Leute wie Michael Streicher, Senior Designer Bus, der an die Wand hinter seinem Schreibtisch neben Ausdrucken bunter Renderings auch Handskizzen gepinnt hat. „Natürlich läuft der Großteil unserer Arbeit heute über Grafikprogramme am Computer“, sagt er. „Das heißt aber nicht, dass das Handzeichnen vollkommen ersetzt wurde. Eine Bleistiftskizze hat einen sehr intuitiven Charakter. Es kommt eine Unbekannte ins Spiel, da tauchen Linien auf, die so vielleicht gar nicht beabsichtigt waren.“

Die Designarbeit umfasst dabei jedes Detail – von der Karosserie bis zum kleinsten Piktogramm im Interieur. Alles muss harmonisch aufeinander abgestimmt sein. „Für die neue Truck-Serie haben wir dem Interieur eine klarere Geometrie verordnet“, sagt Thomas Ochs, Senior Designer Interior Truck. „Wir haben weiche Kurven durch straffe Linien ersetzt, um den Engineering-Aspekt stärker zu betonen. Klare, geometrische Designs erfordern einen höheren Fertigungsaufwand. Das zahlt auf die Wertigkeit der neuen Serie ein.“

Weitere wichtige Faktoren, die vor allem beim Interieurdesign beachtet werden müssen: die lange Nutzungsdauer der Fahrzeuge und die starke Beanspruchung der Materialien. „Wir können nicht auf jeden Trend aufspringen“, sagt Eva-Maria Krammer, Abteilung Colour & Trim. „Die Farben müssen auch in zehn Jahren noch passen. Die Stoffe sollten nicht nur gut aussehen, sondern auch robust gegenüber Abrieb sein und keine Fusseln aufnehmen.“

Blick in die Zukunft

Neben der Arbeit an neuen Serien und an Facelifts aktueller Generationen beschäftigen sich die Designer auch immer wieder mit Zukunftsstudien. Wie sieht der ideale Fahrerarbeitsplatz in einem autonom gesteuerten Truck aus? Welche Botschaft sollte das Exterieurdesign eines E-Mobility-Busses aussenden? Die Antworten darauf finden die Designer in Zusammenarbeit mit Hochschulen. „Uns ist es wichtig, an diese Themen möglichst frei und visionär heranzugehen“, sagt Rudolf Kupitza. „Die Zusammenarbeit mit Studenten hilft uns enorm dabei, Dinge mehr out of the box zu betrachten und auch manchmal aus anderen Perspektiven zu sehen.“

Manchmal entstehen aus der Zusammenarbeit mit Universitäten auch ganz unkonventionelle Studien, die zwar so voraussichtlich nie auf die Straße kommen werden, aber durchaus in das Design der Zukunft einfließen können. Wie der Concept X, die Masterarbeit eines französischen Designstudenten. „Der extrem dynamische Entwurf zeigt, stark überspitzt, Ansätze, wie man das Löwenhafte der Marke noch stärker hervorheben kann“, sagt Kupitza. Die Studie, die sich irgendwo zwischen Skulptur und Concept-Truck bewegt, ist laut Projektbeschreibung die freie Interpretation eines MAN-Trucks im Jahr 2050. Aktuell hat sie es immerhin schon auf das MAN-Werksgelände in Karlsfeld geschafft. Als 1:10-Modell, das ab sofort den Eingangsbereich zur Designabteilung schmückt. Und deutlich macht, wo die Reise hingehen soll.

Gruppenbild des Designteams von MAN Truck & Bus

Gemeinsam für gutes Design

Das 20-köpfige Team „Engineering Vehicle Styling“ besteht aus Designern, Ingenieuren und Modelleuren und wird durch freie Mitarbeiter verstärkt.

Nahaufnahme eines Tonmodells

Alles Ton in Ton

Mit schwarzem Tape markieren die Designer die gewünschte Linienführung oder Wölbung einer Fläche auf dem Clay-Modell. Der Ton, englisch „Clay“, ist eigentlich gar kein Ton, sondern Industrieplastilin, das braun eingefärbt wird, um räumliche Strukturen besser greifbar zu machen.

Handskizzen der MAN-Designabteilung

Ideen zum Leben erwecken

Am Anfang jedes schöpferischen Prozesses stehen auch bei MAN noch Stift und Papier. Bei den Handskizzen geht es nicht um Umsetzbarkeit, sondern darum, Charakter und Emotion eines Modells herauszuarbeiten.

Designer entwirft am Grafiktablet ein 3D-Modell

Virtuelles Modellieren

Am Grafiktablet werden die Entwürfe präzisiert und in 3D und Farbe übersetzt. Je nachdem, wie viel Druck die Designer mit dem sensitiven Stift am Bildschirm ausüben, werden die Linien dicker oder dünner.

Designer bearbeitet 3D-Modell am Rechner

Präzision in 3D

Auf Basis der lebensgroßen Claymodelle werden 3D-Modelle erstellt. Am Rechner werden die Entwürfe inklusive aller Details für die Serienfertigung aufbereitet.

Designer sichten Materialproben für Fahrzeug-Interieur

Atmosphäre kreieren

Das Team Colour & Trim sorgt dafür, dass Farben und Materialien den Gesamtcharakter des Fahrzeugs auch im Innenraum unterstützen.

Designer prüfen Farbigkeit der Materialien mithilfe eines Farbfächers

Zeitlos, lautet die Devise

Wichtig bei der Farbauswahl: Die Farbtöne sollten nicht an kurzfristige Trends angelehnt sein, denn die Nutzungsdauer von Lkw und Bussen ist länger als die von Pkw.

Futuristische Designstudie eines MAN-Trucks

Zukunftsvision

In Zusammenarbeit mit Designstudenten tasten sich die Designer an die Zukunft heran. Der „Concept X“ zeigt eine freie Interpretation eines MAN-Trucks im Jahr 2050.

Designteam präsentiert neuen Fahrzeugentwurf

Der große Moment

An der „Powerwall“ präsentiert das Team die fertigen Designs. Von der ersten Skizze bis zum marktreifen Design dauert es in der Regel vier bis fünf Jahre.

Die drei Leiter der MAN-Designabteilung

Kreative Urgesteine

Holger Koos, Rudolf Kupitza und Stephan Schönherr (v. l.) leiten das 20-köpfige Designteam in Karlsfeld und sind echte MAN-Urgesteine. Die drei bringen es zusammen auf 77 Jahre Berufserfahrung bei MAN.

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