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Letzte Meile alternativ

Automobilzulieferer Magna Steyr fertigt bereits Pkw mit Hybrid- und vollelektrischem Antrieb – und setzt mit einem MAN TGM 18.360 E auch in der Werkslogistik auf Elektromobilität.

 Der MAN TGM 18.360 E shuttelt Fahrzeugteile von einem Logistikzentrum zum Magna-Werk in Graz.
Der MAN TGM 18.360 E shuttelt Fahrzeugteile von einem Logistikzentrum zum Magna-Werk in Graz.

Hunderte Lkw bewegen sich täglich auf dem und um das Werksgelände der Magna Steyr Fahrzeugtechnik AG & Co. im österreichischen Graz. Sie versorgen Karosseriebau, Lackieranlagen und Montagebänder stetig mit Materialnachschub. Einer davon ist eine weiße MAN Sattelzugmaschine, die, im ständigen Hoch und Runter der Schranke an der Werkseinfahrt, theoretisch gar nicht auffällt. Praktisch aber doch, denn zum einen rollt sie nahezu lautlos vorbei und zum anderen steht „ICH BIN EIN E-LKW“ prominent auf Sonnenblende und Türen.

Der TGM 18.360 E ist ein Fahrzeug aus dem MAN eTruck-Projekt mit dem Council für nachhaltige Logistik CNL und transportiert kommissionierte Pkw-Bauteile „just in sequence“ von einem externen Logistikzentrum direkt an die richtige Stelle in der Fertigung. Dazu pendelt er etwa alle 1,5 Stunden die knapp drei Kilometer lange Strecke zwischen Werk und Lager hin und her und das äußerst leise und lokal emissionsfrei.

 Die Beschäftigung mit alternativen Antrieben ist für die Logistik der Zukunft essentiell, findet Alfons Dachs-Wiesinger, Director Logistics Services bei Magna Steyr.
Die Beschäftigung mit alternativen Antrieben ist für die Logistik der Zukunft essentiell, findet Alfons Dachs-Wiesinger, Director Logistics Services bei Magna Steyr.

Werkslogistik als perfektes Einsatzgebiet

„Ein maßgebliches Anliegen des CNL ist die Elektrifizierung des Güterverkehrs und da Nachhaltigkeit und Innovation bei Magna schon immer wichtige Themen sind, war es klar, dass wir gerne beim Feldversuch mit MAN dabei sein möchten“, beschreibt Alfons Dachs-Wiesinger, Director Logistics Services, das Engagement von Magna. „Die sogenannte „letzte Meile“ im urbanen Gebiet ist unserer Meinung nach der ideale Einsatzzweck für einen vollelektrischen Lkw.“ Berührungspunkte mit Elektromobilität im Automotive-Bereich hat man in Graz darüber hinaus jede Menge, denn im Werk werden neben Fahrzeugen mit konventionellem Motor auch Pkw mit Hybrid- und Elektroantrieb produziert.

eTruck auf Kurzstrecke hocheffizient

Der eTGM läuft bei Magna an fünf Tagen in der Woche, meistens im Zweischichtbetrieb. Die Einsatzzeit ist also durchschnittlich, aufgrund des speziellen Aufgabenprofils, mit mehrmaliger Be- und Entladung, sind die reinen Fahrzeiten allerdings sehr kurz. Seit Beginn des Feldversuches im letzten Jahr hat der eTruck bis jetzt knapp 10.000 Kilometer zurückgelegt. Das erscheint auf den ersten Blick wenig und gefühlt irgendwie „unrentabel“, betrachtet man die höheren Anschaffungskosten eines e-Fahrzeuges. Dennoch zeigt sich genau hier der Vorteil des alternativen Antriebs: Ein herkömmlicher Diesel-Lkw lässt sich auf extremen Kurzstrecken mit geringer Geschwindigkeit und häufigem Stopp-and-Go nicht so effizient einsetzen, wie sein elektrisches Pendant. „Das Feedback aus dem Projektteam sagt mir, dass im Schnitt circa 1,5 Kilowattstunden Verbrauch pro Kilometer anfallen“, erklärt Alfons Dachs-Wiesinger, „es ist also eine reine Rechenaufgabe, ab wann sich das rentiert.“ Hinzu kommt, dass Investitionen in die Ladeinfrastruktur bei Magna gering ausfallen. Die normalen Starkstromanschlüsse an den jeweiligen Schleusen im Werk und eine mobile Ladeeinheit reichen aus, High-Power Charging ist nicht nötig.

Während der Sattelauflieger an der Schleuse entladen wird, „tankt“ der eTGM über das mobile Ladegerät an der Starkstromsteckdose.
Während der Sattelauflieger an der Schleuse entladen wird, „tankt“ der eTGM über das mobile Ladegerät an der Starkstromsteckdose.

Seriennähe zeigt, was möglich ist

Besonders reizvoll an dem MAN Feldversuchsfahrzeug ist für Magna, dass es sich um einen vorserienreifen Truck handelt, der schon gut zeigt, was in der Serie möglich sein kann. „Dieser Entwicklungssprung ist für uns sehr wichtig, denn in der urbanen Logistik sehen wir auf uns zukommen, dass, sollten solche Fahrzeuge im großen Stil verfügbar sein, der Gesetzgeber über kurz oder lang reagiert, und Einschränkungen für Verbrennungsmotoren ausspricht“, gibt Alfons Dachs-Wiesinger zu bedenken. „Je früher man sich mit der praktischen Umsetzung innerhalb der eigenen Abläufe beschäftigt, desto besser.“

So sieht das auch Matthias Pellischek, Bereichsleiter Vertrieb und Logistik bei Gebrüder Weiss Transport and Logistics am Standort Graz. Sein Unternehmen ist Transportdienstleister für Magna und setzt den eTruck in Zusammenarbeit mit einem Subunternehmer ein. „Für Gebrüder Weiss ist das ein sehr interessantes Projekt, schließlich sind die Möglichkeiten, einen eLkw auszuprobieren, momentan noch rar. Es ist ein Ansatz, Verkehre neu zu gestalten, auch mit Hinblick auf die Notwendigkeit in Sachen Umwelt. Die Erfahrungen, die wir hier machen, können wir in unserem Konzern an allen Standorten nutzen. Wir sind in Österreich sehr dicht vertreten sowie in ganz Europa, das bringt vielfältige Perspektiven.“

Matthias Pellischek, Bereichsleiter Vertrieb und Logistik bei Gebrüder Weiss Transport and Logistics Graz, sieht im Feldversuch übertragbaren Nutzen für alle Standorte seines Konzerns.
Matthias Pellischek, Bereichsleiter Vertrieb und Logistik bei Gebrüder Weiss Transport and Logistics Graz, sieht im Feldversuch übertragbaren Nutzen für alle Standorte seines Konzerns.

Und besagte Erfahrungen sind bis dato durchaus sehr positiv: Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase in der Anwendung unkompliziert, zuverlässig und mit geringem Schulungsbedarf. „Der eTruck ist angenehm zu fahren und hat eine wirklich guten Beschleunigung, gefällt mir in der Tat besser als ein Diesel. Ansonsten läuft er problemlos und ihn ans Ladegerät zu hängen, ist kein großartiger Aufwand“, beschreibt Fahrer Aleksander Kristof von der TLC Temmel Logistik GmbH, der in der Frühschicht am Lenkrad sitzt.

Während Magna für mittellange Transportwege, zum Beispiel, an den neuen Standort im slowenischen Hoče, etwa 75 Kilometer südlich von Graz, auch noch weitere alternativen Antriebsarten einsetzt, ist sich Alfons Dachs-Wiesinger dennoch sicher: „Wird das ganze Thema mit einer Serienproduktion zukünftig ökologisch und ökonomisch sinnvoll und lässt sich TCO-neutral oder sogar mit einem monetären Vorteil umsetzen, dann ist der Elektro-Lkw für die letzte Meile die Alternative.“

Magna setzt beim Feldversuch statt Fahrgestell mit Aufbau eine vollelektrische TGM-Sattelzugmaschine ein.

Magna setzt beim Feldversuch statt Fahrgestell mit Aufbau eine vollelektrische TGM-Sattelzugmaschine ein.

Am externen Logistikzentrum fährt der eTruck ganz normal an die Rampe...

Am externen Logistikzentrum fährt der eTruck ganz normal an die Rampe...

... und Fahrer Aleksander Kristof belädt den Lkw für die nächste Fahrt.

... und Fahrer Aleksander Kristof belädt den Lkw für die nächste Fahrt.

Etwa sechs bis sieben Tonnen Autoteile sind das pro Umlauf, es geht um Volumen, nicht um Nutzlast.

Etwa sechs bis sieben Tonnen Autoteile sind das pro Umlauf, es geht um Volumen, nicht um Nutzlast.

Im Werk wird, je nach geladenen Teilen, an einer bestimmten Schleuse abgeladen...

Im Werk wird, je nach geladenen Teilen, an einer bestimmten Schleuse abgeladen...

... und schon geht es leise und lokal emissionsfrei auf die nächste Runde.

... und schon geht es leise und lokal emissionsfrei auf die nächste Runde.