Tradition 

Nummer 2 fährt!

Die Erfolgsgeschichte des ersten Fahrzeugs mit Dieselmotor mit Direkteinspritzung

Telegramm von einem MAN-Ingenieur nach der erfolgreichen Fahrt nach Berlin

12. März 1924: Es ist ein kalter Frühjahrsmorgen und der Boden des MAN-Werksgeländes in Augsburg vom nächtlichen Regen noch schlammig. Auf dem Hof steht ein alter M.A.N.-Saurer-Kettenwagen. Die Besonderheit: Angetrieben wird er mit einem der drei ersten Dieselmotoren, die MAN für Nutzfahrzeuge testet.

Zwar hatte Rudolf Diesel den ersten Dieselmotor bereits 1897 als Patent angemeldet, die Motoren waren jedoch meist stationär und wurden als Antrieb für Schiffe verwendet. Aus einem einfachen Grund: Sie waren zunächst sehr groß und schwer. Von 1919-1923 wurde der Dieselmotor im Werk Augsburg dann auch für Nutzfahrzeuge entwickelt bzw. adaptiert und 1924 wurden die ersten drei neuen Versuchsmotoren als Nutzfahrzeugantrieb gebaut. Die Lösung: Man verzichtete auf den schweren Kompressor und verbaute stattdessen eine Brennstoffpumpe und Einspritzdüsen.

Alter 4 t Kettenwagen als erstes Fahrzeug mit Dieselmotor mit Direkteinspritzung
Bereit für die Überfahrt: Der alte 4 t Kettenwagen mit neuem Dieselmotor

Auf nach Nürnberg

Noch steht die Motorhaube offen. Vermutlich hat gerade ein Werksingenieur den neuen Dieselmotor Nr.2 noch einmal inspiziert, denn gleich geht der Lkw mit dem neuen „Herzen“ auf Überführungsfahrt nach Nürnberg.

Für die 140 Kilometer von Augsburg nach Nürnberg werden die beiden Ingenieure Sturm und Wiebicke fünf Stunden und dreißig Minuten benötigen. Auf der Ladefläche nehmen sie vorsichtshalber den ursprünglichen Benzin-Vergaser als Ersatzmotor mit – sie werden ihn jedoch nicht brauchen, denn der neue Dieselmotor läuft während der gesamten Fahrt einwandfrei.

3-t Kardanwagen Original-Vorführ-Lkw (oben) und der erste Dieselmotor mit Direkteinspritzung als Exponat (unten)
Oben: Der 3-t Kardanwagen Original-Vorführ-Lkw . Unten: Der erste Dieselmotor mit Direkteinspritzung als Exponat für die Deutsche Automobilausstellung 1924 in Berlin

„Fahrt gut beendet“

Nach seiner Ankunft wird der neue Fahrzeugdieselmotor mit Direkteinspritzung aus dem alten Kettenwagen in einen moderneren 3-Tonnen-Kardanwagen eingebaut. Die Zeit der intensiven Versuchsfahrten beginnt. Nach einem halben Jahr und 2 500 Kilometer Teststrecke steht fest: Motor Nr.2 fährt und fährt. Nächster Stopp: Die Präsentation auf der deutschen Automobilausstellung in Berlin vom 10.-18. Dezember 1924.

MAN-Ingenieur Sturm lässt es sich nicht nehmen, den Wagen selbst zum Messegelände nach Berlin zu fahren. Zwei Tage braucht er damals für diese Fahrt von Nürnberg aus. Auch diesmal gibt es unterwegs keine Pannen, von ein paar verdreckten Ventilen abgesehen. „fahrt gut beendet“ schreibt Sturm via Telegramm an seine MAN-Kollegen kurz nach dem Eintreffen an der Spree.

Begeisterte Messebesucher

Insgesamt zwei Fahrzeug-Dieselmotoren präsentieren die Ingenieure von MAN auf der Messe: Während der eine als aufgeständertes Exponat auf dem Stand Nr. 447 in Ausstellungshalle II am Kaiserdamm nur zu bestaunen ist, kann „Nr. 2“ von der Welt gleich getestet werden. Neun Tage lang fahren Ingenieur Sturm und Fahrmeister Andreas Wittmann die neugierigen Messebesucher und Kunden auf den Straßen Berlins umher. Ein Service, der Publikum und Fachpresse gleichsam begeistert. Die VDI Nachrichten urteilten: „Im Bereich der Maschinen für Lastkraftwagen und der damit zusammenhängenden Brennstoff-Frage stellte wohl der kompressorlose Dieselmotor der MAN die wichtigste Neuerung dar, die überhaupt auf der Ausstellung geboten wurde.“

Die Direkteinspritzung geht in Serie

Der Erfolg in Berlin ist der Startschuss für die Serienproduktion der neuen Dieselmotor-Baureihe D 1580 A bzw. B und damit der serienmäßigen Dieselmotorenproduktion für Nutzfahrzeuge bei MAN – ein wichtiger Schritt. Als erste Kunden erhalten der Kraftverkehr Bayern sowie die Reichspost in München, Augsburg und Nürnberg je einen Fahrzeug-Dieselmotor zu Testzwecken. Den ersten Kunden-Lkw mit Dieselmotor fährt ein Bierlaster der Aktienbrauerei zum Hasen, den ersten Omnibus-Motor erwirbt 1925 die Reichspost. Der Bierlaster ist in Augsburg über Jahrzehnte ohne größere Ausfälle im Dauereinsatz und wird erst 1942 durch einen Fliegerangriff im zweiten Weltkrieg zerstört

Die ersten beiden Kundenfahrzeuge mit Dieselmotor mit Direkteinspritzung (oben Lkw, unten Omnibus)
Das Innovative steckt unter der Motorhaube: Dies sind die ersten beiden Kundenfahrzeuge mit Dieselmotor und Direkteinspritzung aus dem Jahr 1925. Oben ein Lkw und darunter ein Omnibus.

Kalkulierter Erfolg

Von Anfang an stehen für die MAN-Entwickler zwei Verkaufsvorteile fest: das geringe Fahrzeuggewicht des Motors und seine enorme Betriebskosteneinsparung von 80 Prozent gegenüber herkömmlichen Vergaser-Motoren. Argumente, die schon damals für die Kunden entscheidend sind. Bereits Mitte der 20er-Jahre steigt der Bedarf der Lastwagenabteilung so sehr, dass die begonnene Fertigung der Nutzfahrzeugdieselmotoren nach Nürnberg verlegt wird. Auch 90 Jahre später ist dieser Bereich ein Wichtiger im gesamten Produktionsverbund. Bis heute stehen Wirtschaftlichkeit und Effizienz – die beiden Verkaufsargumente von damals – bei der Entwicklung von Nutzfahrzeugen im Fokus von MAN.

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