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Orange denkt grün

Schiene, Windkraft, Sonnenenergie, das klingt nicht nach klassischer Spedition, ist aber die österreichische Gebrüder Weiss GmbH und ihre Nachhaltigkeitsstrategie – ein MAN TGM 26.360 E gehört seit September 2018 auch dazu.

In und um Wien ist der MAN TGM 26.360 E von Gebrüder Weiss unterwegs.
In und um Wien ist der MAN TGM 26.360 E von Gebrüder Weiss unterwegs.

Ein Kurierdienst über die Alpen vom Bodensee nach Mailand ist der Ursprung von Österreichs ältestem und bis dato familiengeführten Transport- und Logistikunternehmen, der Gebrüder Weiss GmbH. Um genau zu sein: Die sogenannten „Mailänder Boten“ waren schon anno 1474 auf der Route durch die berüchtigte Via Mala unterwegs. Nachhaltig Bestand hat der heute international tätige Konzern mit 150 weltweiten Niederlassungen und über 7.100 Mitarbeitern definitiv.

Der eTGM transportiert Güter und eine eindeutige Botschaft.
Der eTGM transportiert Güter und eine eindeutige Botschaft.

Ebenso füllt das Unternehmen durch verschiedene Initiativen den ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeitsbegriff aktiv mit Inhalt: Die gigantischen Dachflächen der Logistikhallen vieler Niederlassungen sind bereits mit Photovoltaik- beziehungsweise Solaranlagen bestückt und die Nutzung der Sonnenenergie wird weiter sukzessive ausgebaut. Außerdem gehört seit 2011 ein eigener Windpark in Norddeutschland zum Konzern, der allein in 2018 rund 32 Gigawatt grünen Strom produzierte. Gebrüder Weiss selbst bezieht davon ein Anteil von 50 Prozent – 16 Gigawatt entsprechen dem jährlichen Durchschnittsstromverbrauch von etwa 3.800 österreichischen Haushalten.

Ein weiteres Projekt ist die Gründungsmitgliedschaft im österreichischen Council für Nachhaltige Logistik CNL und die Beteiligung am MAN eTruck Feldversuch. Seit Mitte September 2018 ist ein MAN TGM 26.360 E mit Wechselbrückenkonfiguration in der Gebrüder Weiss-Niederlassung Maria-Lanzendorf nahe Wien im Praxiseinsatz.

Der MAN eTGM weckt großes Interesse

Zuerst fuhr der 26-Tonner normalen Stück- und Sammelgut-Verkehr, den die Spedition täglich in und um die österreichische Hauptstadt abwickelt. „Das ging etwa zweieinhalb Monate so und war die ursprüngliche Idee, wie wir das Fahrzeug nutzen wollten“, erinnert sich Kurt Eckl.

Nach der internen Bewährungsprobe fährt der eTruck im Kundeneinsatz.
Nach der internen Bewährungsprobe fährt der eTruck im Kundeneinsatz.

Doch diesen Plan hatte der Fuhrparkleiter, der sich auch um das eTruck-Projekt kümmert, offensichtlich ohne seine Kunden gemacht. Mehrere wurden auf den Elektro-Lkw aufmerksam und wollten ihn exklusiv buchen. „Die erste der Anfragen kam von Vöslauer und deshalb transportiert der eTGM nun seit Jahresbeginn Mineralwasser und andere Getränke. Pläne können sich ja ändern, da sind wir bei Gebrüder Weiss flexibel“, erklärt Kurt Eckl mit einem Augenzwinkern.

Zum Schichtbeginn um 5:45 Uhr am Morgen macht sich Fahrer Milenko Stankovic mit dem eTruck nach dem Abhängen vom Ladekabel darum jetzt von Montag bis Freitag auf die rund 30 Kilometer lange Anfahrt nach Bad Vöslau. In der Regel hat er Leergut oder Paletten vom Vortag dabei. Die Strecke über die Autobahn macht ihm sichtlich Spaß: „Ich war echt neugierig, als ich hörte, dass wir einen elektrischen Lkw bekommen. Ich konnte mir das gar nicht wirklich vorstellen, bin aber sehr positiv überrascht“, beschreibt er die ersten Eindrücke von seinem neuen Gefährt. Vorher fuhr er übrigens einen herkömmlichen MAN, er kann also gut vergleichen. „Die erste Runde damit bei MAN in Steyr, da hatte ich großen Respekt. Der Starkstrom... und diese Beschleunigung.“ Neben seinem normalen Job erfüllt der „Testfahrer“, der schon seit 14 Jahren bei Gebrüder Weiss arbeitet, seine neue Aufgabe gewissenhaft. Regelmäßig dokumentiert er von Reichweitenbestleistung über Kilometerstand bis hin zu Displayanzeigen alles was sein „Elektro-Baby“ angeht und teilt es mit der zuständigen MAN Service Crew in der MAN Niederlassung Leopoldsdorf. „Mir taugt der total!“, bekräftigt Milenko Stankovic, während er nur mit leisem Reifenrollgeräusch und dem „Tick-Tack“ des Blinkers bei Vöslauer auf den Hof einbiegt.

Die Kurzstrecke von Bad Vöslau in das Stadtgebiet von Wien ist das aktuelle Revier des E-Lkw.
Die Kurzstrecke von Bad Vöslau in das Stadtgebiet von Wien ist das aktuelle Revier des E-Lkw.

Nachhaltig auf der Kurzstrecke

Die Vöslauer Mineralwasser GmbH füllt pro Jahr mehr als drei Millionen Hektoliter Mineralwasser und Erfrischungsgetränke ab – umgerechnet etwa 300 Millionen Flaschen oder 500.000 Paletten – und hat mit „alternativen“ Transportlösungen ihres Logistikdienstleisters schon Erfahrung: „Bereits seit zehn Jahren nutzen wir auf der Langstrecke den „OCC“ für Lieferungen nach Tirol und Vorarlberg“, erzählt Reinhard Deimel, Supply Chain Manager bei Vöslauer.

Der „Orange Combi Cargo“ Ganzzug ist ein weiterer Nachhaltigkeitsbaustein von Gebrüder Weiss und verkehrt täglich zwischen Wien und Westösterreich. Das Unternehmen verlagerte mit dem OCC seit dessen Inbetriebnahme in 2008 rund 150.000 Lkw-Ladungen auf die Schiene. Das entspricht einer CO2-Ersparnis von etwa 9.000 Tonnen pro Jahr und legt beim Thema Emissionseinsparung ordentlich vor.

Hier kann der eTGM mit bis zu 25 Tonnen CO2 Minus jährlich nicht ganz mithalten, hat mit lokaler Emissionsfreiheit allerdings klaren Regionalvorteil. Weshalb Reinhard Deimel sofort Ohr war, als er von dem vollelektrischen Neuzugang in der orangen Flotte seines Transporteurs hörte: „Auf mittlerer Strecke rechnet sich die Schiene für uns leider nicht. Da ist der MAN eTruck eine gute Sache, um als Ausgleich dafür immerhin die Kurzstrecke nachhaltiger zu gestalten.“

Skepsis weicht, Überzeugung wächst

Ähnlich sieht das nach den ersten Monaten des Feldversuches auch Kurt Eckl: „Zugegeben, anfangs stand immer ein weiterer Lkw als Reserve parat, falls der eTruck ausfällt. Das tat er aber nicht. Die Sorge, dass den womöglich keiner haben will, war ebenso unbegründet. Er kommt nicht nur bei den Kunden gut an. Viele meiner Fahrer würden ihn sofort nehmen.“

Bei Gebrüder Weiss ist der MAN eTGM inzwischen völlig integriert und der Projektleiter ist überzeugt: „Ich denke, MAN hat das Ganze schon sehr gut vorbereitet. Wenn sich solche Fahrzeuge weiterentwickeln, in Serie gefertigt werden, mit etwas mehr Reichweite, dann sind sie für die Belieferung im urbanen Raum genau richtig.“

 Fuhrparkleiter Kurt Eckl freut sich über die positiven Erfahrungen mit dem eTGM.

Fuhrparkleiter Kurt Eckl freut sich über die positiven Erfahrungen mit dem eTGM.

Der vollelektrische 26-Tonner überzeugte bei Gebrüder Weiss mit Zuverlässigkeit.

Der vollelektrische 26-Tonner überzeugte bei Gebrüder Weiss mit Zuverlässigkeit.

Für Fahrer Milenko Stankovic ist sein „Testwagen“ eine spannende neue Aufgabe, die ihm sehr gut gefällt.

Für Fahrer Milenko Stankovic ist sein „Testwagen“ eine spannende neue Aufgabe, die ihm sehr gut gefällt.

Egal ob Stückgut oder Getränkelieferungen an Großabnehmer, der eTGM macht‘s mit.

Egal ob Stückgut oder Getränkelieferungen an Großabnehmer, der eTGM macht‘s mit.

Der eTruck passt gut zu Vöslauers Strategie für umweltfreundlichere Logistik, findet Supply Chain Manager Reinhard Deimel.

Der eTruck passt gut zu Vöslauers Strategie für umweltfreundlichere Logistik, findet Supply Chain Manager Reinhard Deimel.

Als Baustein für nachhaltigeren Transport, ist der Elektro-MAN auf einer guten Spur.

Als Baustein für nachhaltigeren Transport, ist der Elektro-MAN auf einer guten Spur.